Erst verkannt, dann anerkannt – die Geschichte der Riester-Rente
Wohl selten hat eine Branche so sehnsüchtig ein Gesetz erwartet wie damals die Finanzszene die Rentenreform, die die neue Riester-Rente enthielt. Doch die Euphorie wich zunächst schnell blanker Enttäuschung. DAS INVESTMENT.com erzählt die Geschichte einer problematischen Geburt mit Happy End.
Man könnte den 11. Mai 2001 als Geburtstag der Riester-Rente bezeichnen. An diesem Tag beschloss der Bundestag die Rentenreform und mit ihr die Riester-Rente. Klingt harmlos, war es aber nicht. Denn mit diesem Gesetz reagierte der Staat auf die marode gesetzliche Rentenversicherung und kürzte künftigen Rentnern das Alterseinkommen um 3 Prozentpunkte.
„Du musst jetzt selbst sparen, wir schießen dir Geld dazu“, hieß es von da an. Das war eine Revolution in der Geschichte der deutschen Rente, und grundsätzlich keine schlechte Idee (zum Text: Riester-ABC: Alles über die Riester-Rente).
Die Staatsdiener, speziell Finanzbeamte, kannten aber ihren Arbeitgeber und seinen Hang zur Bürokratie und hatten vorsichtshalber knapp ein halbes Jahr, bevor es losging, protestiert. 3.500 neue Finanzbeamte seien nötig, um die komplizierten Förderungen zu berechnen und gewähren, rechnete die Deutsche Steuer-Gewerkschaft vor. Macht in Euro gerechnet 500 Millionen Mehrkosten im Jahr.
Goldgräber
Die Versicherungen hatte dagegen eine seltsame Hektik gepackt. So hatte Axa schon im Mai zwei fertige Riester-Tarife in der Schublade liegen. „Nicht warten, jetzt starten!“, tröteten die LVM Versicherungen. Neuverträge mit einem Prämienvolumen von 56 Millionen Mark wollte der Versicherungsverband bis Ende 2002 einsammeln. Goldrausch pur, denn „der Markt wird am Anfang verteilt“, darin waren sich die Goldgräber einig.
Für die Mitarbeiter der Allianz Leben hieß der 11. Mai 2001 nur noch „Riester-Day“, was man gut als zynische Anspielung auf den Begriff „D-Day“ verstehen könnte. Der D-Day war der Tag, an dem die alliierten Truppen im 2. Weltkrieg unter wahnsinnigem Menschenverschleiß die Küste der Normandie eroberten. Die Allianz wollte die Monatsbudgets der künftigen Rentner erobern.
Das Problem war nur: Die Riester-Regelungen sahen auch vor, dass ein förderfähiger Vertrag ein entsprechendes Zertifikat, eine Art Riester-Stempel, bekommen musste. Und den gab es frühestens zum Jahresende.
Die Riester-Rente ein „bürokratisches Monstrum“
So folgten die ersten gerichtlichen Rangeleien. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ging schon im Juni gegen die Victoria Lebensversicherung und die Mannheimer Versicherung vor. Angeblich hatte deren Werbung vorgetäuscht, die Produkte seien bereits zertifiziert.
Überhaupt waren Verbraucherschützer gar nicht gut auf das „bürokratische Monstrum“ der Bundesregierung zu sprechen. Elf Kriterien musste ein Tarif erfüllen, um ein Riester-Zertifikat zu bekommen. So musste der Anbieter beispielsweise garantieren, dass der Sparer mindestens nominal bei seinen eingezahlten Beiträgen und erhaltenen Förderungen keinen Verlust erleidet (zum Text: „Die Beitragsgarantie ist ein wesentliches Kaufargument“).
Ein Tribut an den typisch deutschen Sicherheitsgedanken. Weitere Komplikationen waren, dass die Höhe der Förderung sich nach dem Einkommen aus dem Vorjahr und dem gesparten Eigenbeitrag des Anlegers richtet und über das Finanzamt beantragt werden muss. Und das wiederum entscheidet, ob Zulage oder Steuererlass günstiger seien. Und um das Chaos perfekt zu machen, rollte eine Welle von damals geschätzten 2.800 verschiedenen Produkten auf die zukünftigen Rentner zu.
Warten auf zertifizierte Produkte
Ebenfalls große Probleme hatten die Schützer mit dem Umstand, dass die Beiträge für die Riester-Rente zwar entweder absetzbar sind oder gefördert werden, der Riester-Rentner aber seine Rente später versteuern muss. Dass eine Rente durch die Steuermangel gedreht wird, war damals neu.
Es rechnet sich trotzdem, kommentierten Pro-Riester-Experten. Denn der persönliche Steuersatz sei als Rentner viel niedriger als zu Arbeitszeiten. Einen weiteren Nackenschlag für den Vertrieb setzte es ausgerechnet vom Vater des Kindes – dem damaligen Arbeitsminister Walter Riester selbst. „Jeder ist gut beraten abzuwarten, bis zertifizierte Produkte da sind“, sagte er. Das hatte gesessen.
Die Fondsbranche bringt sich in Stellung
Unbeirrt davon rechneten Experten damit, die Riester-Rente werde einen Boom im privaten Vorsorgemarkt lostreten. Die Analysten der Deutschen Bank nahmen unter anderem deshalb die Aktie des Strukturvertriebs MLP im Februar 2002 in ihre Liste mit den Top-Picks auf.
Sieben Monate später kostete die MLP-Aktie rund 90 Prozent weniger – doch das lag weniger am Riester-Geschäft, vielmehr hatte es das Unternehmen mit den Bilanzrichtlinien nicht so genau genommen.
Während die Versicherer bei den Zertifizierungskriterien lebenslange Rente und Garantie aufs Guthaben ein Heimspiel hatten, tat sich die Investmentbranche hier zu Beginn schwer. Denn gerade die Garantiekomponente wäre für Fondsanbieter so teuer geworden, dass sie mit den Versicherungen nicht hätten mithalten können.
Im Dezember 2001 lockerte jedoch das damalige Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred) die Eigenkapitalbedingungen für Fonds. Damit wurden sie konkurrenzfähig (zum Text: Riester-Fonds machen Versicherungen Konkurrenz).
Riester-Rente mit klassischem Fehlstart
Im März 2002 gab es schließlich einige ziemlich lange Gesichter zu bestaunen. „Bisher haben erst 1,5 Millionen Arbeitnehmer eine Riester-Police abgeschlossen, nur einer von 20 Förderberechtigten“, stellte Gerhard Rupprecht, Sprecher des Hauptausschusses Leben beim Branchenverband der Versicherer, fest.
16 Euro Beitrag brachte ein Riester-Vertrag bis dahin im Schnitt pro Monat. Die Branche war damit ihren Zielen ungefähr so nah wie ein Teenager der Rente. Der Milliarden-Kuchen war bis dahin nur ein Keks. Vor allem die Warnungen der Verbraucherschützer seien daran schuld gewesen, wetterte Rupprecht.
Schuld hin oder her – die Branche verlangte veränderte Bedingungen, und der Begriff „Reform der Reform“ begann, die Runde zu machen. Weder die Finanzberater noch die Kunden hätten bisher großes Interesse an der Riester-Rente, weil sie zu bürokratisch sei und schlechtere Renditen biete als bei vergleichbaren nicht geförderten Altersvorsorgeprodukten, krittelte beispielsweise AWD-Lautsprecher Carsten Maschmeyer im Sommer 2002.
Die Reform der Reform
Und sie kam – die Reform der Reform – und das gleich mehrfach. Im Jahr 2005 strich der Gesetzgeber sechs von elf Punkten auf der Kriterienliste für eine Zertifizierung. Weg fiel beispielsweise die Pflicht, den Anleger mindestens einmal im Jahr schriftlich über die Verwendung der Beiträge, das angesparte Guthaben und Kosten zu informieren.
Außerdem musste der Anbieter bis dahin darlegen, inwieweit er soziale und ethische Belange beim Investieren beachtet hat – nun muss er das nicht mehr. Zudem müssen die Tarifanbieter die Provision nun nicht mehr auf mindestens zehn sondern nur noch auch mindestens fünf Jahre verteilen. Für den Vertreter bedeutet das bei Vertragsabschluss sofort mehr Geld.
Und weiter ging's mit dem fröhlichen Reformieren der Reform. Seit 2006 gelten für Männer und Frauen dieselben Tarife. Gut für die Frauen, denn weil sie statistisch gesehen länger leben, mussten sie bis dahin auch höhere Beiträge entrichten, um dieselbe Rente zu beziehen. Oder sie bekamen bei gleichem Beitrag weniger Rente heraus.
Im Jahr 2008 integrierte die Bundesregierung Wohneigentum in die Riester-Landschaft. Nun dürfen Riester-Sparer ihre Guthaben für Eigenheime verwenden oder gar einen neuartigen Wohn-Riester-Vertrag abschließen, einen speziellen Tarif nur für die Immobilie. Bis dahin durften sie ihrem Vertrag lediglich Geld für eine Immobilie entnehmen, wenn sie es später wieder zurück zahlten (zum Text: Altersvorsorge Eigenheim: Wohn-Riester macht's leichter) . Für neugeborene Kinder gibt es statt einer jährlichen Maximalzulage von 185 Euro nunmehr 300 Euro vom Staat. Der Segen der späten Geburt.
Ende gut, Riester gut
Ob es nun die Neuheiten waren, oder Volk und Vertreter nur eine Weile brauchten, um sich für die Riester-Rente zu erwärmen, ist schwer zu sagen.
Fakt ist aber, dass sich die staatlich gestützte Vorsorge inzwischen zu einem Renner und Retter für die Versicherungsbranche entwickelt, denn der größte Teil des Neugeschäfts sind – Riester-Produkte (zum Text: Die besten Riester- und Rürup-Policen).
Auch die Fondssparpläne zumindest einiger Anbieter haben sich am Markt etabliert und machen den Versicherern zunehmend das Feld streitig (siehe Grafik, vergrößern hier).
12,4 Millionen Sparer gibt es aktuell. Das ist von den geschätzten möglichen 32 Millionen Sparern zwar noch immer ein Stück entfernt. Über den Status eines Flops ist die Riester-Rente aber längst hinweg.
Von: Andreas Scholz
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Kommentare
Kommentar von Leser | 07.07.2010
Und dann müssen die Steuerzahler auch noch für seine üppige Ministerpension aufkommen. Wer hat, der hat..........